Erwerbstätigkeit und Demenz – geht das zusammen?

Aus: Alzheimer Info 2/2024

Der Umgang mit psychischen Erkrankungen ist glücklicherweise auch in Unternehmen in den letzten Jahren immer
selbstverständlicher geworden. Nach einer Depression, Angsterkrankung oder Suchttherapie erfolgt in der Regel eine
Wiedereingliederung am Arbeitsplatz und bei Bedarf werden Aufgaben und Gestaltung der Arbeit vom Arbeitgeber angepasst. Allerdings konnten Menschen mit Demenz im Arbeitsleben von dieser Entstigmatisierung (noch) nicht profitieren. Dies hat viele Gründe:

  • Es gibt nur wenig Betroffene und daher gibt es keine definierten Prozesse und nur wenig Orientierungsmöglichkeiten für Führungskräfte im Umgang und der Zusammenarbeit mit Menschen mit Demenz.
  • Die Erkrankung ist nicht heilbar und im Gegensatz zu den meisten Wiedereingliederungen ist im Zeitverlauf nicht weniger, sondern mehr Unterstützungs- und Anpassungsbedarf erforderlich.
  • Orientierungsverlust, Verhaltensänderungen und kognitive Einschränkungen sind die auffälligsten Symptome und häufig schwer auf Dauer mit Erwerbsarbeit zu vereinbaren.
  • Unternehmen und Organisationen tun sich sehr schwer demenzfreundlich zu agieren und fürchten in der öffentlichen Wahrnehmung selbst für „dement“ gehalten zu werden.

Trotz dieser Schwierigkeiten sind insbesondere große Unternehmen gehalten, Mitarbeitende, die an Demenz erkranken, zu unterstützen und ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Dies kann gelingen, wenn ein gutes Unterstützungsnetz mit folgenden Beteiligten geknüpft wird:

  • Arbeitsmedizinische Betreuung
  • Personalabteilung (insbesondere Betriebliches Eingliederungsmanagement, BEM)
  • Führungskraft
  • Sozialbetreuung des Unternehmens
  • Betriebsrat
  • Integrationsfachdienst, evtl. Arbeitsassistenz
  • Behandelnde Ärztinnen und Ärzte (mit Entbindung von der Schweigepflicht für die Arbeitsmedizin)
  • Regionale Alzheimer-Gesellschaft
  • Krankenkassen und/oder Rentenversicherungsträger

Auf Grundlage des Befundberichts und der arbeitsmedizinischen Beurteilung wird der Arbeitsplatz des/der Betroffenen angepasst bzw. gesucht. Im Rahmen des BEM wird weiterer Unterstützungsbedarf wie eine Reha oder Arbeitsassistenz geklärt und organisiert. Leider sind auch bei optimaler Unterstützung zusätzliche Kränkungen für die Betroffenen nicht vermeidbar, da die notwendigen Veränderungen des Arbeitsplatzes als Verunsicherung und die Einbeziehung „fremder Menschen“ womöglich als Bedrohung erlebt werden. Diagnosen sind selbstverständlich vertrauliche Daten, die im Rahmen des BEM unter die ärztliche Schweigepflicht fallen.
Aus arbeitsmedizinischer Sicht werden die Anforderungen an den Arbeitsplatz bzw. die Tätigkeitseinschränkungen des Betroffenen formuliert. Grundsätzlich ist die Chance auf den Erhalt des Arbeitsplatzes umso größer, je offener Betroffene mit ihrer Erkrankung und ihren Bedürfnissen umgehen bzw. umgehen können. Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen können dann das Verhalten und die Schwierigkeiten des/der Betroffenen verstehen und Empathie zeigen. Es ist darüber hinaus empfehlenswert, zusammen mit einer Vertrauensperson des/der Betroffenen im Unternehmen eine Strategie zu erarbeiten, wie und in welcher Tiefe das direkte Arbeitsumfeld informiert werden soll.
Neben der Unterstützung von Betroffenen am Arbeitsplatz ist die Information zu Demenz in den Unternehmen sehr wichtig – viele Mitarbeitende sind Angehörige von Menschen mit Demenz und auf Grund der demografischen Entwicklung spielt sie auch bei Kundinnen und Kunden eine immer größere Rolle. (Demenz Partner-)Vorträge, Info-Broschüren und Veranstaltungen tragen zur Sensibilisierung für das Thema bei. Eine weitere wirksame Unterstützung stellt auch eine Betriebsvereinbarung zur Pflege von Angehörigen dar, die flexible Arbeitszeiten und Freistellungszeiträume ermöglicht. In größeren Unternehmen gibt es mehr Möglichkeiten der Arbeitsplatzumgestaltung und Kompensation geringerer Leistungen von Betroffenen. Aber je nach Typ des Arbeitsplatzes sind die räumliche Größe, visuelle und akustische Reize sowie technologische Veränderungen für Menschen mit Demenz häufig überfordernd. Die Gestaltung eines demenzfreundlichen Arbeitsumfelds ist für kleinere Unternehmen meist etwas leichter. In jedem Einzelfall muss zusammen mit den Betroffenen entschieden werden, ob eine höhere Lebensqualität mit oder ohne Erwerbstätigkeit erreicht wird.

Anke Manthey, Dipl. Pädagogin, 2. Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Ingolstadt e. V.