Körperliche Aktivität für ältere Menschen mit kognitiven Veränderungen: Das geht alle an
Aus: Alzheimer Info 2/2020
Die Bevölkerung wird in den meisten Regionen der Welt immer älter. Aufgrund des demografischen Wandels steigt die Zahl der Menschen, die bei sich Veränderungen des Gedächtnisses oder anderer kognitiver Fähigkeiten feststellen. Viele von ihnen interessieren sich dafür, mit welchen Verhaltensweisen sie möglichst lange gesund bleiben können. Diese Frage ist besonders brisant, wenn Menschen die Diagnose einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder leichtgradigen Demenz erhalten und der Behandlungsplan eine gesunde Lebensweise empfiehlt. Körperliche Aktivität ist einer der wichtigsten Lebensstil-Faktoren, an die man dabei denken sollte. Bei Menschen mit leichter kognitiver Störung oder Demenz sind Einschränkungen von Beweglichkeit und Balance, erhöhte Sturzgefahr und geringere Fitness häufiger vorhanden als bei Menschen ohne Gedächtnisstörungen. Regelmäßige körperliche Aktivität kann nicht nur die Verschlechterung dieser Einschränkungen verlangsamen, sondern sie zum Teil sogar wieder rückgängig machen. Mehrere Forschungsprojekte zeigen, dass eine verstärkte körperliche Aktivität auch noch weitere gesundheitliche Vorteile bringt, beispielsweise Verbesserungen des Gedächtnisses, des psychischen Wohlbefindens und der Lebensqualität. Die Teilnahme an einem körperlichen Übungsprogramm, das auf die individuellen gesundheitlichen Erfordernisse zugeschnitten ist, das aber auch die persönlichen Interessen und Vorlieben berücksichtigt, kann für Menschen mit kognitiven Einschränkungen der Weg zu einem aktiveren und erfüllteren Leben mit mehr sozialen Kontakten sein. Darüber hinaus können die gesundheitlichen Verbesserungen dazu beitragen, die finanziellen und emotionalen Auswirkungen kognitiver Beeinträchtigungen zu mildern – nicht nur für die betroffene Person selbst, sondern auch für die Familie und die Gesellschaft als Ganzes.
Welche Aktivitäten sind empfehlenswert?
Das sind natürlich gute Neuigkeiten. Gibt es aber darüber hinaus auch Anhaltspunkte dafür, wie eine verstärkte körperliche Aktivität bei älteren Menschen aussehen soll? Dazu hat die Forschung einige Antworten parat. Art, Dauer und Intensität der körperlichen Aktivität sind wichtig. Das Ziel sollte sein, sich mindestens 150 Minuten pro Woche zu bewegen – diese Zeit kann man auf mehrere Übungseinheiten verteilen. Zu den wirkungsvollsten Formen der körperlichen Aktivität zählen Aerobic und Krafttraining. Weil sie auf unterschiedlichen Wegen zur Verbesserung der Gesundheit beitragen, wird empfohlen, sie zu kombinieren. Aerobic und Krafttraining haben positive Auswirkungen auf Herz und Stoffwechsel. Beide wirken verschiedenen Risikofaktoren für Gefäßkrankheiten wie Übergewicht, hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte und Zuckerkrankheit entgegen. Falls möglich, sollten die körperlichen Übungen eine moderate Intensität haben: Beim Spazierengehen sollte das Tempo also beispielsweise so rasch sein, dass eine gleichzeitige Unterhaltung schwierig ist. Das Wissen über die zugrunde liegenden Mechanismen ist noch unvollständig. Die positiven Wirkungen von körperlicher Aktivität auf das Gehirn werden jedoch entweder auf indirektem Weg vermittelt – wie durch die oben erwähnten Effekte auf Risikofaktoren für Gefäßkrankheiten – oder auf direkte Weise durch die Freisetzung von Wirkstoffen im Gehirn, die die Funktion der Nervenzellen steigern. So führt zum Beispiel die vermehrte Ausschüttung des Nervenwachstumsfaktors bei körperlicher Aktivität zur Ausbildung von neuen Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen – dies ist eine Voraussetzung für ein gut funktionierendes Gedächtnis. Zusätzlich zu den beiden genannten Formen der körperlichen Aktivität sollten auch regelmäßige Gleichgewichtsübungen zur Verminderung des Sturzrisikos durchgeführt werden. Ein solches Aktivitätsprogramm sollte aber nicht nur im stillen Kämmerlein oder im Fitness-Studio erfolgen, sondern den Alltag insgesamt prägen. Damit ist gemeint: Gehen Sie zum Einkaufen zu Fuß, statt mit dem Auto zu fahren; nutzen Sie die Treppe anstelle des Aufzugs; machen Sie verschiedene Tätigkeiten im Stehen – zum Beispiel Lesen, Schreiben, Arbeiten oder Telefonieren.
Was hilft gegen die eigene Trägheit?
Es ist sehr schwer, das eigene Verhalten zu verändern und ein neues gesundheitsbewusstes Verhalten dauerhaft beizubehalten. Glücklicherweise gibt es Strategien, die diese Aufgabe erleichtern. Je nach persönlichem Geschmack kann man die körperliche Aktivität mit angenehmer Geselligkeit verbinden, langsam beginnen sowie die Dauer und die Intensität der Übungen allmählich steigern, sinnvolle Routinen einführen, ein Übungstagebuch führen oder die erzielten Erfolge mit anderen teilen. Auch Musik kann sehr motivierend sein, genauso wie die Wahl von Aktivitäten mit einer kognitiven Komponente, zum Beispiel Tanzen oder Tai Chi. Wenn die Ausprägung der kognitiven Einschränkungen mehr Unterstützung durch andere erfordert, muss das körperliche Übungsprogramm modifiziert werden, beispielsweise durch mehr Zeit zum Erlernen von Übungen, längere Pausen, gemeinsame Übungen oder Übungen im Sitzen, wenn eine erhöhte Sturzgefahr oder Gebrechlichkeit besteht. Zusammenfassend liefert die Forschung überzeugende Hinweise, dass ältere Menschen mit kognitiven Einschränkungen ihre Gewohnheiten hinsichtlich körperlicher Aktivität – teils aus eigener Kraft, teils mit Hilfe anderer – erfolgreich ändern können. Sie sind in der Lage, die Übungen ohne gesundheitliche Risiken durchzuführen und zu genießen. Jedoch sollten ältere Menschen, die gesundheitliche Probleme haben oder bislang körperlich weitgehend inaktiv waren, ein neues Übungsprogramm nicht ohne vorherige Beratung durch den Hausarzt beginnen. •
Prof. Nicola Lautenschlager, Dr. Amit Lampit Academic Unit for Psychiatry of Old Age, Department of Psychiatry, Faculty of Medicine, Dentistry and Health Sciences, University of Melbourne, Australien